Wir wolln die Eisbärn sehn!

Brennende Mülltonnen, kaltes Geläuf, dick gepolsterte Schutzkleidung, Gegröle. In anderen Worten: Ein ganz normaler Abend in Berlin-Friedrichshain an der Warschauer Straße. Multimedia-Bericht über meinen ersten Stadionbesuch bei den „Eisbären Berlin.“

In Haupt- und Nebenrollen: Haie und Immobilien-Haie, Marco Reus, freundliche Securities. Und Erich Mielke.


Serie: Berliner Leistungssport. Teil 2: Eishockey. Ein Besuch bei den „Eisbären“ Berlin.

  • Datum: Freitag, 7. Oktober 2016
  • Ort: Mercedes Benz-Arena, Berlin-Friedrichshain
  • Spielklasse: 1 (Deutsche Eishockeyliga DEL)

Welch Vorfreude: „DDR“-Rekordmeister gegen DEL-Rekordmeister. Berlin gegen Köln. Eisbären gegen Haie. Goliath gegen Goliath.

Schon bevor ich das Innere der 2008 erbauten „Mercedes Benz-Arena“ betrete, wird klar: Diese für 165 Millionen Euro ins Ost-Berliner Nichts gestampfte Halle ist keine normale Sportstätte, kein gewönliches Stadion, keine reine Sport-Arena. Sie ist die wohl evolutionäre Endstufe heutiger Multifunktionsarenen, die gebaut wurden, um möglichst eins zu erreichen: Geld zu verdienen – und Kunden zu locken, um noch mehr Geld zu verdienen.

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Die Multifunktionsarena mit Emblem und Schriftzügen des namensgebenden Sponsors in Berlin-Friedrichshain (alle folgenden Fotos und Videos außer „Schunder-Song“: A. Wolf)

Mit ihrer Höhe von 35 Metern wirkt die Mercedes Benz-Arena bereits von Außen durchaus beeindruckend. Sie sieht aus wie das Mercedes Benz-Museum in Stuttgart und hat vermutlich den selben Zweck: als Werbeplattform dienen.

Warum sonst steht im großräumigen Eingangsbereich hinter den Einlasstüren ein sündhaft teurer Ausstellungswagen, den Besucher zwar nicht besitzen, auch nicht besitzen, aber fotografieren können?

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Warum sonst verteilen junge Damen im Eingangsbereich Prospekte des Autoherstellers und locken mit Gewinnen wie „Probefahrten für ein unvergessliches Wochenende“?

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Warum sonst ist an gefühlt jeder freien Fläche der Arena ein Mercedes-Stern angebracht? Und warum hängen, stehen und kleben diese Sterne meist überdimensional aufdringlich?

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Nicht minder bescheiden: Zuschauer werden durch (acht) Rolltreppen in die nächsthöheren Etagen – etwa den Unterrang – befördert. Praktisch und vorbildlich: Acht Aufzüge tun das Gleiche für Gehbehinderte, Bedürftige und faule Unbedürftige.

Einlasskontrolle wie am Flughafen

Der Einlass erinnert weniger an eine Sportstätte, mehr an den Sicherheitsbereich eines Flughafens: Metalldetektoren, Körperscanner, Laufbänder für mitgebrachte und abzulegende Wertsachen. An jedem Einlasspunkt stehen rund fünf Ordungskräfte, pardon, „Supervisor“. Manche gucken grimmig (gehört wohl zum Berufsverständnis, Klischees gehören gepflegt), die meisten Weisaar (pardon, Lokaldialekt) machen ihren Dienst nach Vorschrift entspannt.

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Auch im Inneren der Halle – Blick von der Tribüne – mutet alles an wie eine einzige große, geölte Multifunktions-Maschinerie für Werbezwecke. LED-Leinwände blinken, leuchten, fahren Animationen ab. Pausenlos. Musik dauerbeschallt das wehrlose Gehör. Werbebotschaften fräsen sich als Blitzgewitter durch die Synapsen abertausender Gäste. Willkommen am Pre-Point of Sale.

Unterhaltungs-Reize, Lichtimpulse und Kommerz wohin das Auge reicht – 60.000 Quadratmeter bieten ausreichend Werbefläche.

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Bevor die Gastmannschaft, die „Haie“ aus Köln, aufs Eis einskaten, ertönt zu deren Begrüßung aus den Stadionboxen eine passende Hommage ans Tierreich, interpretiert durch jene Ost-Berliner Rockkapelle, die ihren Bandnamen auf einem US-amerikanischen Militärstützpunkt in der pfälzischen Provinz verortet und diesen Ort seit 22 Jahren vorsätzlich berechnend konsequent beharrlich falsch schreibt.

Vorläufiger Höhepunkt des Vorspiels: brennende Mülltonnen, kaltes Geläuf, dickgepolsterte Schutzkleidung, Gegröle (hier und da mit Berliner Dialekt). In anderen Worten: Ein ganz normaler Abend in Berlin-Friedrichshain nahe der Warschauer Straße.

Bevor des Hauptdarsteller des Spielfilms, die Cracks, die Profispieler einlaufen, begrüßt das Publikum die Mini-Eisbären: 1,40 Meter klein, Schutzvisiere am Helm, gepolstert wie „Michelin“-Männchen, aber flink und wendig auf Schlittschuhen wie der wohl großartig-kleinste NHL-Profi aller Zeiten, Theo Fleury.

Putzig, diese Eisbärchen – die Cracks einer deutschen Randsportart von überüberüberübermorgen. Vielleicht. Wenn das Leben nicht dazwischen kommt.

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19:25 Uhr: Die Heimannschaft läuft ein. Bedeutet für mich auch: ein Wiedersehen mit meinem Hassobjekt schlechthin in Sportstadien (neben Menschen eine Reihe vor mir, die den Blick versperren): Klatschpappen.

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Das Vorspiel ist vorbei. Die Haifische entwischen den Eisbären ein ums andere Mal auf der 60 mal 30 Meter großen Eisscholle. Coitus interruptus. So manche Träne fließt. Und so kommt es, dass das Wasser in den Meeren salzig ist.

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Erste Drittelpause, Dialog in der Männertoilette. Zwei „Eisbären“-Fans am Waschbecken: „Könn‘ die sich hier keen warmes Wasser leisten?!“ – „Ja, nee. EIS-Bären, weeßte?!“ Keine Pointe.

Fast überall im sogenannten Eisstadion: „Düüüünaaaamo“-Sprechchöre und „Dynamo Berlin“-Devotionalien.

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27 Jahre nach dem Fall der Mauer, über ein Vierteljahrhundert nach dem Sturz des totalitären „DDR“-Regimes, 24 Jahre nach der Umbennung des Stasi-Klubs und DDR-Serienmeisters „Dynamo Berlin“ in „Eisbären“, regiert bei (offenbar zu) vielen Fans des siebenfachen DEL-Meisters EHC Berlin weiter der Stasi-Kult.

Und irgendwo in einem namenlosen Urnengrab auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde bodycheckt sich der aus Asche zur Ruine aufgestandene Erich Mielke vor Freude durch die Gräber.

Apropos geschmacklos und fehl am Platz:

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War ohne Führerschein unterwegs, hatte sich verlaufen und in der Sportart geirrt: der kleine Marco R. (wahrscheinlich aus Berlin-Zehlendorf oder Prenzlauer Berg).

Etwa die Hälfte des Spiels ist um.

„Abwechlungsreiche, mitreißende Werbeveranstaltung“ denke ich mir. „Nur dieser Sport zwischendurch stört irgendwie.“

54. Minute, Köln erhöht per Fernschuss auf 0:2 gegen die Heimmannschaft. Die Scholle scheint versenkt. Kommentar aus Reihe 12: „Da jeht ja heute janüscht.“

Gegröle aus dem Fanblock der Heimmannschaft verbreitet im seelenlosen Eisbetonpalast so etwas wie verhaltende Stadionatmosphäre. Mir wird sogleich wohlig warm.

Die Spielqualität reißt nicht wirklich von den unbequemen Polster-Sitzen.

„Egal, wenigtens Unterhaltung!“ denke ich mir und errechne Pi-mal-Daumen das Preis-Leistungsverhältnis für das zu 56/60tel ausgebliebene Abendspektakel. Mir wird wieder kalt.

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Als mit „DSF“-Live-Übertragungen und Rick Amann-Analysen aufgewachsener Kenner des deutschen Profi-Eishockeys und dessen auferzwungenen Geschäftsgebaren wohl-kalkulierender Investoren, nehme ich den bedauernswerten aber unumgänglichen Status-Quo (Langeweile) gelassen hin.

Schließlich können Zuschauer am siebten von 52 Spieltagen der Vorrunde keine Fights erwarten wie ab März, wenn die Saison für die Protagonisten auf dem Eis im Grunde erst richtig beginnt, die Endrunde bevorsteht. Alte Eishockey-Weisheit: Alles vor diesen Play-Offs ist Geplänkel, ist Vorrunde, ist deutscher Eishockey.

Zwölfeinhalb Tausend Zuschauern gefällt das heute Abend trotzdem. Haben ja schließlich bezahlt.

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In den letzten vier Minuten endlich Stimmung. Heißt beim Eishockey: Kloppe unn uffe Fresse! Immerhin hier gewinnt Berlin nach Punkten – also nach Strafpunkten. Also: quasi doch ’ne Niederlage. Die Eisscholle ist endgültig versenkt.

In diesem Zusammenhang, an dieser Stelle, passend wie die Faust ins Gesicht, ein Klassiker. Vorgetragen von der besten Band der Welt (natürlich aus Berlin ((auuuuus Berliiiin!)).

Letzte Spielminute. Berlin liegt 0:2 zurück, versucht verzweifelt noch einmal alles, um sich mehr Möglichkeiten im Angriff zu verschaffen, den Anschlusstreffer zu erzwingen, der noch einmal rund 20 mega spannende, heiß umkämpfte Schlusssekunden bringen würde.

Sprich: Berlin nimmt den Torhüter raus für einen weiteren Feldspieler. Dieser Querpass geht nach hinten los. Ein Kölner ersprintet auf Höhe der Mittellinie ein Berliner Zuspiel, geschwindigkeitschlittert auf das verwaiste Eisbären-Tor zu und schiebt den Puck unbedrängt zum 3:0-Enstand ein.

Die mit einer Hand abzählbaren mitgereisten Schlachtenbummler aus dem Rheinland, vom Veranstalter in eine entfernte Ecke im Oberrang versteckt-gesteckt, haben Spasss – wie vermutlich auch in den folgenden Stunden nach dem Abpfiff im „vierten Drittel“ und während ihres restlichen Wochenend-Erlebnisausflugs in „die“ Hauptstadt.

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AUS! AUS! Das Spiel ist auuus! Gut so. [falsche Sportart, löschen!]

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Ich gehe nach Hause. Auf dem Weg zur Bahn (nahe der „East Side Gallery“) und in der Bahn begleiten mich „Düüüünamooho“-Sprechchöre. Rebuilt this wall!

Einen Tag später – gleicher Ort, zwei Zuschauerblöcke weiter rechts, zwei Stunden früherer Spielbeginn, wieder zu einem Rekordmeister – begab ich mich erneut in die Halle; für den nächsten, dritten Teil meiner Serie „Spocht in Berlin“, diesmal zum Basketball, zu „ALBA“ Berlin.

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