Albumkritik: Green Day – Father of all …

Alleine schon dieses Artwork: ein Einhorn, das aus seiner rosafarbenen Schnauze eine regenbogenfarbene Flamme schnäuzt – und feuriges aus dem Rektum bläst. Auch vom Gesamtwerk her muss das neue Green-Day-Album „Father of all …“ eine Parodie sein. Hoffentlich.

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Infantil bis pubertär: das Artwork-Cover des aktuellen Green-Day-Albums „Father of all … [motherfuckers]“ (Promo/Streaming-Screenshot)

Die Vorboten zum jüngsten Album-Release, drei vorab ausgekoppelte Singles („Father of all…“ / „Fire, Ready, Aim“ / „Oh Yeah“) ließen bereits ab Herbst 2019 erahnen, wohin die Reise der grünen Tagträumer anno 2020 geht: weg vom gitarrenverzerrt-dominierten Garage-Rock, hin zum gitarrenverzerrt-angereichertem Garage-Pop.

Am 7. Februar 2020 erschien bei Reprise Records der nunmehr 13. Longplayer der US-amerikanischen Punkrockpopband Green Day.

Billie Joe, Mike Dirnt & Tré Cool: Father(s) of all motherfuckers

Longplayer ist streng genommen der falsche Ausdruck für das kürzeste Album der Bandgeschichte. 26 Minuten und sechs Sekunden schenken Green Day ihren Fans, Kritikern und Hatern an vertontem output. Aufgeteilt in zehn Lieder. Und damit kommen wir zum Kernproblem des neusten Werkes: den Liedern.

Hits sind auf „Father of all …“ keine zu hören. Das wird beim ersten Hören klar und dieser Eindruck verfestigt sich mit jedem weiternen Durchlauf.

Hier die Playlist (Spotify-Link):

„Father of all motherfuckers“ klingt sehr eingängig – und eintönig. Kein Song, der sich merkbar von anderen abhebt. Solider Pop mit fluffigen Rockrhythmen, aber kein Rock oder Pop mit Kanten.

Mitsumm-Mitklatsch-Musik für den Hausputz

Auch ohne die Texte zu kennen, lässt sich zum Mainstream-Gedudel prima mitsummen, Körperteile mitwippen und mitschnacken. Alles klingt mehr oder weniger gleich, kein Song besitzt einen speziellen Wiedererkennungswert, nichts bleibt wirklich hängen.

Musik gemacht wie fürs Radio: kann nebenbei oder im Hintergrund (mit)laufen, tut niemandem weh beim Entstauben und Putzen der Wohnung. Praktisch. Prokrastinationshilfe im vier-Viertel-Takt.

Schmissig statt bissig

Wer Green Day vor allem wegen ihrer aussagekräftigen, polit-punkigen Songs sowie einprägsamen Gitarrenriffs vergangener Jahre schätzt, etwa aus der „American Idiot/21 Century Breakdown“-Ära (2004-2009), steht 2020 vermutlich wie das Einhorn vor dem Schlachter: man fühlt sich irgendwie vor den Kopf gestoßen.

So fehlt auch den Lyrics im Vergleich zu den alten Jahren das Mindestmaß an Aussagekraft und Tiefe.

Passend dazu: der Albumtitel. Das F-Wort. Bei einer Band, die aus drei erwachsenen Männern um die 50 besteht. Ernsthaft?! Reißen die Ärzte auf ihren aktuellsten Alben noch Peniswitze?

Und so flüchtet sich der Green-Day-Sympathisant vergangener Jahre in die Hoffnung und vermeintliche Sicherheit, dass die Band auf „Fathers of all …“ alles nicht so ernst meint, sondern bewusst und kalkuliert mit Klischees und Erwartungshaltungen spielt, dass Billie Joe & Co. überraschen wollten, bewusst neue Wege bestreiten, neue Spielarten austesten – und einen Kericht darauf geben, was Kritiker darüber denken, sagen und schreiben.

Green Day 2020: harmlos bis belanglos

Die Hoffnung bleibt, dass die drei einstigen Rockgrößen bei ihren Konzerten der bevorstehenden Tour möglichst viele der guten, alten Lieder spielen werden. Beim neuen „Oh yeah“, das sie sicher live performen werden, ist der Refrain zumindest mitgröhl-tauglich. 2020 gibt sich der Green-Day-Fan mit erstaunlich wenig zufrieden..

Vielleicht ist ja alles nur (Selbst-)Ironie. Das könnte erklären, weshalb auf dem Artwork-Cover – großflächig als Hintergrund – ausgerechnet das Titelmotiv des Albums mit dem größten Sendungsbewusstsein der Bandgeschichte abgebildet ist und zitiert wird: „American Idiot“.

Rothaariges Einhorn mit rosa Schnauze kotzt Regenbogen

Vor 16 Jahren zierte das Artwork-Cover des damals aktuellen Albums ein blutendes Herz in Form einer Handgranate, die symbolisch in einer Hand gehalten wurde, deren Finger zur Faust geballt waren.

2020 ist der Zeitgeist in Kalifornien ein anderer: Da schnäuzt-kotzt ein Einhorn mit rotem Iro eine regenbogenfarbene Flamme aus seiner rosafarbenen Schnauze – und bläst eine feurige Flamme aus dem Rektum.

Fire, ready, aim! Oh yeah!

Womöglich auch ein politisches Statement. Falls Green Day das so meinen, gelten sie ab sofort womöglich als eine der subtilsten (ehemaligen) Punkrockbands der Musikgeschichte.


Interpret: Green Day
Titel: Father of all …
Veröffentlichung: 7.2.2020
Label: Reprise Records
Produzenten: Chris Dugan, Butch Walker
Genre: Rock, Pop, Garage
Spielzeit: 26’06 (zehn Tracks)


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