Mit Romantik aus der Krise: Neues Ärzte-Album „Hell“ in der Kritik

Das Cover des neuen Albums HELL von DIE ÄRZTE (Promo). Drei Musiker - Rodrigo Gonzalez, Bela B und Farin Urlaub - blicken mit teuflischen Blicken in die Kamera
Cover des neuen Albums HELL von DIE ÄRZTE (Promo)

Acht Jahre mussten Fans auf ein neues „Ärzte“-Album warten, die „Beste Band der Welt“ stand vor der Trennung. Doch ausgerechnet in der Corona-Krise raufen sich Bela B., Farin Urlaub und Rodrigo Gonzalez zusammen, veröffentlichen „Hell“ und holen zum Rundumschlag aus – gegen Verschwörungstheoretiker, Wutbürger, Siri, Alexa, Trap, die AfD und den Punk. Eine Kritik.

In unsicheren Zeiten neigen Menschen dazu, Stabilität zu suchen, sich nach Vertrautem zu sehnen. Manche finden Zuflucht in der Musik. Als Die Ärzte, seit Jahrzehnten eine der erfolgreichsten und populärsten Deutschrockbands, zuletzt Menschen mit Musik behandelten, war die Welt eine andere: 2012 gab es noch keine AfD, digitale Sprachassistenten und VR nur für IT-Nerds. Der HSV war erstklassig, der US-Präsident kein weißer, alter obszöner Mann. Menschen schwitzten dichtgedrängt bei Konzerten, Corona kannte der Pöbel nur als Bier. Verrückte Zeiten.

Ärzte-Krise: „Wir haben uns auseinandergelebt“

Seitdem ist einiges geschehen − auch bei „BelaFarinRod“, dem nach Ansicht vieler Ärzte-Fans „einzigen Gott“. So verriet Ärzte-Gitarrist Farin Urlaub dem MDR in einem Interview, dass die Band, seit 1993 vereint, in den vergangenen Jahren kurz davor gestanden habe, sich aufzulösen. Urlaub: „Wir hatten echt eine schlechte Phase als Band, haben uns auseinander gelebt − dann aber wieder gefunden, zusammengerauft und sind uns jetzt wohl näher als je zuvor.“

Acht Jahre nach dem bisher letzten Album („auch“) haben Die Ärzte mit „Hell“ am 23. Oktober nun ihr 13. Studioalbum auf den Markt gebracht − und überraschen gleich zu Beginn des 60-minütigen Longplayers mit einem ungewohnten Sound: Autotune und Trap (also Trap)! Ist das ihr ernst? „Ja, wir wollten überraschen“, erklärt Urlaub.

Farin kommt mit Wortwitz aus Urlaub zurück

In ihren jüngsten 18 Songs schaffen es Bela, Farin und Rod mehr als einmal, zu überraschen. Das liegt weniger an den Arrangements, die wie erwartet durchweg poppig daherkommen, sondern vor allem an Cheftexter Farin Urlaub. Gekonnt wortwitzelt er sich durch teils abenteuerliche Reimkonstruktionen. Vor allen von seinen Songs profitiert das neueste Ärzte-Werk, etwa in „Warum spricht niemand über Gitarristen?“, im „letzten Lied des Sommers“ und bei „Ich, am Strand“.

„Ich, am Strand“ aus dem Die-Ärzte-Album „Hell“

Was reimt sich auf kennengelernt? Richtig – „Bernd“

Altpunk Urlaub, mit dessen Form bei Ärzte-Content vieles entscheidend steht und fällt, hat in Punkto Schlagfertigkeit nichts verlernt. Das inspiriert hier und dort auch den etwas jüngeren Gonzalez („Adam Riese / Klimakrise“).

Wer oder was zur Hölle ist Fexxo Cigol?

Nach dem mäßig gelungenen Vorgänger „auch“ (2012) zeigen sich Farin U., Bela B. und Rodrigo G. im neuen Jahrzehnt kreativer und vielfältiger – instrumental wie textlich. Kostproben liefern bereits die Songtitel: „Achtung: Bielefeld“, „Clowns aus dem Hospiz“, „Fexxo Cigol“, „Warum spricht niemand über Gitarristen?“ oder „E.V.J.M.F.“. Fast wie zu besten Zeiten. Die „Bestie“ (1993), die „Spendierhosen“ (2000) und das „Geräusch“ (2003) lassen vorsichtig grüßen.

Offizielle YouTube-Playlist zum kompletten Ärzte-Album „Hell“

Der Großteil des Albums liefert den gewohnten, typischen Ärzte-Sound: eingängiger Poprock, der sich hier und dort über Genre-Grenzen hinweg setzt und bedient, etwa bei elektronischer Musik. Die Synthie-Beats im Trap-Opener programmierte Multiinstrumentalist Gonzalez.

Hin und wieder kommen exotischere Klangkörper zum Einsatz, zum Beispiel das japanische Zupfinstrument Shamisen, eine Art Banjo. Vertreten ist auch die gute alte Querflöte. Entertainer Heinz Strunk spielt sie auf „Hell“ so leidenschaftlich und mit Verve wie vor 25 Jahren, als er Urlaubs‘ „Ex(plodierter Freundin)“ auf dem Album „Planet Punk“ den bläsernen Rest gab. Echte Gefühle, wahre Romantik. Ansonsten dominieren E-Gitarre, Bass und Schlagzeug – wie es sich für eine klassische Drei-Mann-Rockband gehört.

Reim vom Texter: „Sex mit Siri und Alexa“

Mit „Hell“ liefern Die Ärzte das, wofür Fans die Band seit nun fünf Jahrzehnten schätzen, respektieren, mögen oder sogar lieben werden – und wofür manch verbissene Feuilleton-Redakteure mit oder ohne gescheiterter (Musik-)Karriere die chronisch erfolgreichen „Bravopunks“ wohl im Jahr 2020 noch kritisieren werden: Musik, die (auch) wichtiges zu sagen hat, sich aber nie zu ernst oder zu wichtig nimmt. Künstlerischer Output, der hin und wieder etwas schräg und teils spätpubertär daherkommt, dem dabei aber immer gekonnt wie kalkuliert der Spagat zwischen Sinn und Nonsens gelingt.

„Siri! Erzähl mir über Sex mit Alexa / in Wirklichkeit ist sie ’ne echte Dreckssa.. Uh, der Reim war schlecht, beschwer dich beim Tеxter / Es gibt nicht viele Rеime auf „Alexa“.“

Medien- und Menschenkritik von Die Ärzte in „True Romance“

Die (wie einst „Lasse redn“) maximal auf Radiotauglichkeit getrimmte Single-Auskopplung „True Romance“ zum Beispiel. Sie hält der medial reizüberfluteten Ich-will-und-kann-jederzeit-alles-mit-einem-Klick-haben-Gesellschaft, also quasi uns allen, den eigenen Stumpfsinn und den Spiegel des Zeitgeistes vor – passend visualisiert als millionenfach geklicktes YouTube-Video, in dem social-media-süchtige Smartphone-Nutzer auf der Suche nach Anerkennung, Zweisamkeit und Sex sich wohlwollend wie naiv den „vermenschlichten“ Computerstimmen und Algorithmen moderner Kommunikationstechnologien anvertrauen, in virtuelle Realitäten flüchten und dabei ignorieren oder nicht merken, welchen Gefahren sich Menschen aussetzen, wenn sie glauben, Siri, Alexa & Co. seien richtige Freunde (#Prism). Meta-Ebene, Meta-Descriptions. Konsequent.

Gesellschaftskritik, persönliche Ängste und Probleme − thematisch bewegen sich die Ärzte auf „Hell“ auf bekannten Pfaden, fangen dabei mehrmals den Zeitgeist ein und regen zum Nachdenken an. Etwa dann, wenn Bela B. im Song „Achtung: Bielefeld“ ein Plädoyer für Langeweile hält – an die Adresse aller Gehetzten, die ihr Leben verschwenden, weil sie nicht nichts tun wollen, Langeweile nicht zu schätzen wissen. „Eine Mutter in Aleppo würde sich wohl auch gerne mal langweilen“, vermutet Bela B. In Syrien herrscht seit 2011 Krieg, jeden Tag.

Solange jedoch Themen wie „Filmstarts, YouTube, Influencer, Fußball, das Wetter und Beyoncé“ mehr mediale Aufmerksamkeit erhalten als die Meinung von „nervigen Gitarristen“, ist offenbar kein Ende der täglichen Langeweile in Sicht, vermutet Urlaub, der eigenen Aussagen zufolge keinen Fernseher besitzt, sondern jeden Tag lieber Gitarre spielt.

Ein „Oi!“ an Impfgegner, Aluhutträger und Klimaleugner

Auf ihrer 2020er-Tour reisen die drei Ärzte im transnationalen Express und mit Blaulicht durch die Hölle der Gegenwart, scheuen sich nicht, auch im Hinterland geistig-moralisch verwahrloster Gedankenwelten nach den dem Rechten zu sehen. Aluhutträger, Schwurbler, Coronavirus-Leugner, Klimawandel-Leugner, …

Vor allem im letzten Drittel wird’s politisch.

Bela B. verteilt in „Fexxo Cigol“ diplomatisch wie ironisch Seitenhiebe auf YouTube- und Google-Rechercheure, die sich mit Verschwörungstheorien anfreunden. Bei „Alle auf Brille“ dringt Bs Stimme in neue Klangsphären ein, wenn der Schlagzeuger mit szenetypischem Gesang die stumpf-gewalttätige und bildungsferne Oi-Gang-Kultur veralbert.

Für ein paar Minuten outet sich Farin Urlaub zuvor als grenzenloser Optimist, gibt sich zu tanzbaren Beats und Banjo-Klängen der Behauptung hin, Rechtsradikale ließen sich auf den rechten Weg bringen – man müsse nur Liebe, Geduld, ruhig Blut und etwas Mut aufbringen, der Kampf würde sich lohnen. Urlaubs Argument: „Niemand wird als Faschist geboren.“

Ärzte dissen „AfD“

Impfgegner, Reichsbürger „und all die anderen Clowns“, die den gesellschaftlichen Diskurs im Donald-Trump-Zeitalter beherrschen, belasten, vergiften und gefährden – ihnen allen wird 2020/21 von drei Ärzten aus Berlin das Fett weggesaugt.

Zum Abschluss des Albums servieren die Gastgeber das wohl größte Highlight des Albums: einen fettigen „Woodburger“. Eine Abrechnung mit Wutbürgern, Schwulenfeinden und der selbsternannten, sogenannten „Alternative für Deutschland (AfD)“.

Humoristisch verpackt und dennoch ein deutliches Statement. Der ärztliche Rat, um Feinde der Demokratie und der Zwischenmenschlichkeit von innen zu schwächen? In die AfD eintreten und schwul werden – „so schwul, super schwul, stockschwul“, wie Gonzalez seinem Gitarristen beipflichtend zuschmachtet. Diese Pointe im Refrain kommt unerwartet und sitzt. Ist das noch Punkrock? Ja, Arschloch!

Waren es in Ärzte-Songs der 80er-Jahre unter anderem „Außerirdische“, die mit Farin Urlaubs lyrischem Ich den Koitus vollführten, geschieht dies 2020 in den Worten des MDR-Journalisten Felix Heklau also „im homosexuellen Austausch mit AfD-Mitgliedern“.

True Romance: romantische Gefühle in der Corona-Krise

Nach der ersten Single-Veröffentlichung „True Romance“ releasten die Ärzte ein alternatives Video zum Song – als „Dankeschön an all die großartigen Menschen, die ihr Talent, ihren Enthusiasmus und ihre Sozialen Medien“ während der Coronakrise mit der Band teilten. „Ohne Euren Zauber wäre die Welt ein großes Stück grauer!“, schreibt die Band auf ihrer Website.

Im Video, sind – größtenteils im Corona-Home-Office-Remote-Webcam-Selfie-Quarantäne-Look – zahlreiche prominente Ärzte-Sympathisanten zu sehen, größtenteils Musiker:innen.

#singtrueromance: Künstler*innen singen während Corona für die Ärzte. Mit dabei sind unter anderem Felix Schönfuss (Adam Angst), AlligatoahKoljah & Panik Panzer (Antilopen Gang), Arnim Teutoburg-Weiß (Beatsteaks), Carolin KebekusDeichkind (Porky), Die Toten Hosen (Vom & Campino), Ferris MCFettes BrotH.P. BaxxterK.I.ZKnorkator (Stumpen), Kraftklub (Felix & Karl), Martin SonnebornOliver Kalkofe, und Roland Kaiser

Die Albumproduktion zu „Hell“ profitierte laut Urlaub von der Corona-Krise. Durch sie hätten alle Bandmitglieder mehr Zeit als üblich gehabt, um Ideen zu entwickeln und umzusetzen – und um als Band zusammenzufinden. Geschadet hat Corona den Ärzten offenbar nicht.

Corona-Quarantäne fördert Kreativität

Die Ärzte klingen auf „Hell“ nach acht Jahren Pause deutlich besser, als es wenige Wochen vor dem Release zu erwarten und zu befürchten war.

Ende März, während der ersten Corona-Welle in Deutschland, droppten sie kurzfristig die Single „Ein Lied für Jetzt“ mit Untertitel „Corona-Hymne“. Passend zum Zeitgeist produziert, gut und kreativ gedacht, clever promotet und artgerecht in Szene gesetzt – textlich aber zu uninspiriert. Manche Reime waren selbst für Ärzte-Verhältnisse zu einfach.

Das bis dato jüngste Lebenszeichen der Band mit neuem Material ließ schlimmes erahnen als Vorbote zum Album, das bereits für Oktober angekündigt war. Es sah aus und klang, als hätten die Altpunks ihren Zenit womöglich überschritten, als seien sie auf dem Weg zur eigenen Karikatur.

„Ein Lied für Jetzt“: Urlaub (56), B. (57) und Gonzalez (52) sichtlich mitgenommen und gealtert in Corona-Quarantäne (März 2020).

Die erste Single-Auskopplung des Albums, „Morgens Pauken“, brachte die „Beste Band der Welt“ wieder in die Spur. Seitenhiebe auf Spießer erfinden das Genre zwar nicht neu, zum Schmunzeln taugen der Text und das zugehörige der „Bravopunks“ Video aber allemal.

Die Songstruktur und Arrangements kommen zunächst gewöhnungsbedürftig und sperrig daher, die Reime teils schrecklich platt. Sie passen aber zur Message. Und das verzerrte Hauptriff besitzt definitiv Ohrwurmcharakter. Alles in allem also (schon irgendwie) Punk, den die „Bravopunks“ da abliefern. Und wenn nicht Punk, dann zumindest guter, solider Rock mit kreativem Einschlag. Auf jeden Fall einzigartig.

„Morgens Pauken“ – erste Single aus dem Ärzte-Album „Hell“

„Morgens pauken“ ist auf jeden Fall live-tauglich. Wie die meisten Songs des neuen Albums. Möglichst viele von ihnen möchte Urlaub auch auf die Bühne bringen. „Und das möglichst schnell“, sobald die Corona-Pandemie es zulässt.

„In the Ä tonight“-Tour wegen Corona verschoben

Der für Ende 2020 geplante Start der „In the Ä tonight“-Tour wurde im Herbst um ein Jahr verschoben. Sie beginnt – Stand Album-Release – am 30. Oktober 2021 und dauert rund zwei Monate. In dieser Zeit spielen die Ärzte insgesamt 27 Konzerte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bis auf eine Show sind alle Gigs ausverkauft.

Das Ärzte-Album „Hell“ erschien am 23. Oktober 2020

  • als 64-seitiges CD-Hardcover
  • als 181-Gramm-Doppelvinyl-Buch in Halbleinen
  • als Download
  • im Streaming

Auf ihrer Website bademeister.com und auf YouTube hat die Band zudem ein „wirklich schniekes Unboxing-Video“ für Fans bereitgestellt.

Nerd-Content für Ärzte-Fans: Unboxing-Video zum neuen Album „Hell“

Tracklist von „Hell“ (Die Ärzte)

01. E.V.J.M.F.
02. Plan B
03. Achtung: Bielefeld
04. Warum spricht niemand über Gitarristen?
05. Morgens Pauken
06. Das letzte Lied des Sommers
07. Clown aus dem Hospiz
08. Ich, am Strand
09. True Romance
10. Einmal ein Bier
11. Wer verliert, hat schon verloren
12. Polyester
13. Fexxo Cigol
14. Liebe gegen Rechts
15. Alle auf Brille
16. Thor
17. Leben vor dem Tod
18. Woodburger

Release: 23.10.2020
Label: Hot Action Records
Produktion: Die Ärzte, Oliver Zülch, Philipp Hoppen
Laufzeit: 60 Minuten

Wertung: 6/10

Fazit: „Hell“ ist in der Breite vielfältiger, kreativer und textlich weniger beliebig als die Ärzte-Musik des vorigen Jahrzehnts, kann mit Band-Meilensteinen (aus den 90ern und 00er-Jahren) über die volle Laufzeit eines Albums aber nicht mithalten. Dazu fehlt es an vielfältiger Hitdichte.

„Es fühlt sich an wie eines der perfektesten Alben von uns.“

(Farin Urlaub)

Wenn ein Arzt das fühlt, ist das legitim. Von Perfektion ist „Hell“ dennoch ein paar Gesteinsplatten entfernt. Was wiederum zweitrangig ist. Denn erstens ist Perfektion relativ, zweitens eh nie zu erreichen und drittens, und das ist entscheidend: Die Ärzte gibt es noch, sie machen wieder Musik und bereiten vielen Menschen damit Freude – zumal in schweren Zeiten. Offenbar gibt es also doch (noch) einen Gott.

Anspieltipps: Morgens pauken // Achtung: Bielefeld // Warum spricht niemand über Gitarren? // Ich, am Strand // Woodburger


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