
Wildfremde Menschen fallen sich glücklich und erschöpft in die Arme, Mosh- und Circle-Pits bis ans Ende des Infields, die „Queens of the Stone Age“ als Vorband(!) – und fast zwei Stunden lang Hits einer bestens aufgelegten Band: Bei ihrem ersten Tour-Stopp in Deutschland begeistern die Alternative-Metal-Legenden von „System of A Down“ rund 80.000 Menschen im Berliner Olympiastadion. Ein Konzertbericht.
Wer genau hinschaute, konnte sie wahrnehmen: diese Momente im Leben zweier Musiker, die nebeneinander auf der Bühne stehen, sich kurz anschauen, anlächeln; der eine klatscht dem anderen ein, zwei Mal auf die Schulter. Für ein paar Sekunden war da dieses Gefühl, dieser Augenblick authentisch gelebter positiver Vibes.
Bei System Of A Down ist das eine Erwähnung wert – haben die Egos der beiden Frontmänner und Songwriter Serj Tankian und Daron Malakian seit Jahrzehnten dazu beigetragen, dass eine der größten Rockbands unserer Zeit mehrmals vor der Auflösung stand, Solo-Karrieren pushte, seit 2005 kein gemeinsames Album mehr erarbeitet und veröffentlicht hat, die weltweite Fanschar seitdem auf neues Material warten lässt (abgesehen von zwei Songs, die 2020/2021 erschienen).
An diesem Sommerabend des Jahres 2026 im ausverkaufen Berliner Olympiastadion ist das alles egal. Die Diven auf der Bühne haben sichtbar Freude, an dem, was sie beruflich tun, geben sich ganz und gar nicht divenhaft. Da scheinen sich zwei wieder gefunden zu haben. Mindestens für einen Abend.
Top Sound, top Stimme, top Stimmung
Der Sound der Band ist definiert und klar, auch wenn er im weiten Rund des nicht für Musik konstruierten Stadions hier und dort trotz zahlreicher Line-Array-PA-Systeme etwas zu leise ankommt. Egal, die Texte und Gitarrensoli kennen hier eh fast alle.
Lead Sänger Tankian trifft die allermeisten Töne und anspruchsvolle harmonische Passagen wie zu besten Zeiten; Lead Gitarrist Malakian ergänzt stimmlich in seiner einzigartigen Weise, gewohnt weirdige Ansagen inklusive – dazu dieses leicht Irre und Wahnsinnige des selbst ernannten „Psycho“, das in seinen Augen sichtbar ist, selbst dann, wenn er eine Sonnenbrille unter dem großen Hut trägt.
Der offensichtlich eher etwas intravertierte Drummer John Dolmayan erweist dem lokalen Publikum und Spielort seine Anerkennung, indem er einen weißen Adler auf einem schwarzem T-Shirt trägt. Deutschland, Berlin und so. Der offensichtlich eher extravertierte Bassist Shavo Odadjian, stets mit gepflegter Bartfrisur, trägt wie immer gerne Kniestrümpfe, heute in knallgelb.
Malakian, Tankian, Dolmayan, Odadjian – explosive Mischung
System Of A Down – so gegensätzlich die Charaktere und auch die politischen Ansichten einiger Bandmitglieder zueinander sind (Recherchetipp: John Dolmayan, Covid-19, Trump, Black Lives Matters), so erstaunlich gut harmonieren die vier Menschen musikalisch. Business unites. Alle paar Jahre Stadien füllen. Why not.

Ja, die heutzutage üblichen bengalischen Feuer, von Fans ins Infield geschmuggelt und gezündet werden, sorgen auch beim SOAD-Open-Air für besondere Atmosphäre, tauchen den Abendhimmel in ein rauchiges Rot. Asthmatikerinnen hassen diesen Trick.
Auch die Band brennt ein Feuerwerk ab.
Gänsehaut, wenn 80.000 Menschen in der Riesenschüssel Olympiastadion zu Hymnen wie „Lonely Day“ und „Aerials“ mitsingen. „I-E-A-I-A-I-O“ – prädestiniert für solche Venues.
Aus allen (okay, es gibt nur 4) Alben hat die Band Hits und Fanlieblinge in die Setlist integriert: vom Debütwerk mit seinen teils dadaistischen Texten und anno 1998 revolutionären Songstrukturen bis hin zu den poppigen, auch im Mainstream erfolgreichen Smashern wie „B.Y.O.B.“, das gleich zu Beginn des Konzertes den Innenraum in einen einzigen riesigen pogenden Moshpit verwandelt.
Metal-Gewitter, armenisch-influencte Volksmusik, tanzende Kuttenträger, Lalalalala leieilei. Breakdown. Banana Banana Banana Terracota Pie! SOAD in a nutshell.
Berlin: Music and Metal lovers united
Das Publikum auf dem Weg ins Stadion und im Stadion: international (als seien Fans aus allen Teilen Europas angereist, von Italien bis Irland), divers, entspannt (obwohl zu sehr geringen Teilen auch „Onkelz“-Shirts tragend), freudig, enthusiastisch, beglückt. Also quasi fast wie Berliner.
Zum wohl bekanntesten und kultigsten SOAD-Song „Chop Suey!“ (inofiziell: „Suicide“) geben sich tausende Menschen in maximalster Hingabe äußerlich sichtbar und hörbar innersten Emotionen hin, wildfremde Menschen blicken sich erschöpft und glücklich zugleich an, nehmen sich nach zelebrierter Songprozedur in die Arme, wenn sie sich nicht schon zuvor erschöpft in selbige haben fallen lassen. Hat fast etwas religiöses.
Was Musik alles bewirken kann. Therapie.
Pogo statt Yoga
Zum Abschluss gibt’s „Toxicity“, das nahtlos in „Sugar“ übergeht. Abriss!
Der Fußweg durstiger, verschwitzter, erschöpfter Ü40er zum Getränkestand muss unterbrochen werden, berichten Konzertgänger, schmeißen sich in den letzten Moshpit, setzen Prioritäten. Wer weiß, wann die nächste Gelegenheit dazu kommt; das letzte SOAD-Gastspiel in Berlin zuvor datiert aus dem 2011. Damals zu 90% die gleiche Setlist. Ob damals auch schon vor(!) dem Konzert die T-Shirts am Merch-Stand ausverkauft waren?
Nach rund 100 Minuten ist Schluss.
Gut so. Reicht. Mehr Sport macht der alternde Körper so manch eines Millenials nicht mehr mit. Für manch andere gilt: Die wöchentliche Yoga-Stunde musste heute ausfallen, der körperlich fordernde Workout aus der miefigen Sporthalle ins pyro-frischluftige Stadion verlegt werden.
Herabfallende Bierbecher statt herabschauender Hunde, Pogo-Sticks statt Booty Bands. Exzellente Wahl. Seelenlose Top-40-Musik aus billigen Bluetooth-Boxen dann gerne wieder nächste Woche.
Everybody’s going to the party, have a real good time
Es dauert gefühlt ewig, faktisch rund 15 Minuten, bis auch die letzten Gäste aus dem Innenraum den einzigen Ausgang, die Treppe zur Zwischenebene des Stadions erreicht haben und die Event-Location verlassen können, die ansonsten, wenn keine Musikkonzerte in ihr stattfinden, zweitklassigen Fußball beheimatet. The kombucha mushroom people sitting around all day. An diesem Abend gehen Zehntausende Menschen mit der Gewissheit nach Hause, erstklassiger Unterhaltung beigewohnt zu haben. Sugar!

Setlist: System Of A Down, 8. Juli 2026, Berlin, Olympiastadion
1. Intro: Soldier Side
2. B.Y.O.B. (Bring Your Own Bombs)
3. Suite-Pee
4. Chic ‚N‘ Stu
5. Prison Song
6. Violent Pornography
7. I-E-A-I-A-I-O
8. Darts
9. Genocidal Humanoidz
10. Needles
11. Deer Dance
12. Radio/Video
13. Bubbles
14. Dreaming
15. Hypnotize
16. ATWA
17. Bounce
18. Suggestions
19. Psycho
20. Chop Suey!
21. Lonely Day
22. Lost in Hollywood
23. Streamline
24. Aerials
25. Spiders
26. Forest
27. DAM
28. War?
29. Roulette
30. Toxicity
31. Sugar
Autor: Andreas Wolf
Video (50 Minuten) mit Highlights aller drei Acts an diesem Abend inklusive „Acid Bath“ and „Queens Of The Stone Age“: https://www.youtube.com/watch?v=zYjVyPb1XPI
