
Trinkt aus! Sie müssen gehen. Auf ihrer Tour zum Abschiedsalbum laden die Toten Hosen in Berlin noch einmal zum großen Familientreffen. Ein einzigartiger Abend, auch dank zahlreicher Special Guests – und einer frenetisch umjubelten Premiere mit einem Überraschungsgast. Ein Konzertbericht.
Berlin ist dann doch etwas besonderes für die Punkrockband aus Düsseldorf. Das merkt man auch am Samstagabend beim Tourstopp der Toten Hosen im ausverkauften Olympiastadion – vor allem bei Frontmann Campino: Wie immer auf Konzerten gibt der erfahrene und mit allen Entertainer-Skills gewaschene Profi alles. Aber in Berlin wirkt es, als gebe der Düsseldorfer immer noch einmal 10 bis 20 Prozent mehr als in anderen Städten (außer Düsseldorf).
Die Energie, die der 64jährige in seine Stimme und seinen Körper legt, die Spielfreude die er mit seinen Bandkollegen Kuddel (Lead-Gitarre), Breiti (Rhythmusgitarre), Andi (Bass), Vom (Drums) sowie Tour-Keyboarder Jet Baker (spielt sonst bei der britischen Ska-Band Buster Shuffle) an den vom Wetter geküssten Sommerabend legt, macht es schwer, sich vorzustellen, dass diese Band nach Ende dieser Tour tatsächlich in Rente, womöglich nie wieder live auftreten wird.

86 Mal haben die Hosen in Berlin gespielt – behauptet die Google-KI mit Verweis auf vermeintlich seriöse Quellen. 65 Mal, so berichtet Andreas Frege alias Campino auf der Bühne, traten die Düsseldorfer in ihrer Historie in der deutschen Hauptstadt auf. Das erste Mal 1982 im kleinen SO36 in der damals geteilten Stadt, die die DDR umschloss. 44 Jahre später, bei der Tour zum Abschiedsalbum „Trink aus, wir müssen geh’n!“, spielen die Hosen vor offiziell 68.000 Menschen im größten Veranstaltungsort, den Berlin für Konzerte zu bieten hat.
Trinkt aus! Mini-Festival mit zwei Vorbands
Zur Hauptstadt pflegen die Hosen seit ihren Anfangstagen eine sehr enge Beziehung, beruflich sowie privat. Und wie bei jedem Halt in einer Stadt während ihrer Abschiedsalbumtournee luden die Hosen auch in Berlin zum großen Familientreffen.
Den Anfang an diesem Tag mit Mini-Festival-Charakter machen als erste Vorband die Stranglers – klassischer Wave-Punk-Pub-Rock aus dem Südosten Englands. Das Pub ist an diesem Tag etwas größer. Die Musik funktioniert trotzdem, die Vibes kommen an.
Der Bierpreis an diesem Abend: 7 Euro für den halben Liter. Also ähnlich wie in einem britischen Pub außerhalb Londoner Szene-Viertel. Der zugehörige Pfandbecher mit aufgedrucktem Hosen-Designs kostet an diesem Abend in Charlottenburg 3 Euro.

Apropos Bier: Neben den klassischen Getränkeständen rund ums Olympiastadion begeistert zahlreiche Besucherinnen ein automatisierter Bier-Zapf-und-Ausgabe-Automat in Nähe des Haupteingangs. Wer mit Karte zahlen kann, spart sich viel Zeit beim Anstehen. „Praktisch so ein Container, da passen bestimmt 1000 Liter rein“, mutmaßt ein sichtlich begeisterter Altpunk mit Blick auf das seelenlose, aber effizient und fehlerfrei Bier ausgebende, praktische technische Hilfsgerät, das den vermutlich üppigen Lohn von 5 zapfenden und Bier ausgebenden Studierenden einspart, jungen Menschen zusätzliche Freizeit ermöglicht. Subtile Kapitalismuskritik? Da sage noch einer, die Hosen seien kein Punkrock mehr.
Bier aus dem Automaten – und „Pommes nur mit Currywurst“
Geht es um den menschlichen Service an den Getränke- und Essensausgaben, entsprechen die Wartezeiten jenen bei Fußballspielen der am gleichen Spielort beheimateten Hertha BSC: überdurchschnittlich lange. Bei Events im Olympiastadion arbeitet ein Großteil des Service-Personals offensichtlich in einer eigenen Liga.
Lowlight: An einem Essensstand gibt es „Pommes nur für die [bereits sehr lange Wartenden], die dazu auch Currywurst bestellen“. Interessante Geschäftspraktik – und Vegetarier-Veganer-Diskriminierung. Als diskriminierend, mindestens als unzeitgemäß, empfinden einige Besucherinnen auch die Anzahl von zwei Toiletten, die in einem Zuschauerblock umgerechnet auf rund 100 weiblich gelesene Anstehende kommen. Pissoirs gibt es auf einer vergleichbaren Fläche in der Herrentoilette nebenan mindestens 50.
Die BEATSTEAKS (aus Berlin) vereinen Menschen (aus Ost und West)
Musikalisch und stimmungstechnisch spielt an diesem langen Tag (Einlass 15:30 Uhr, Ende der Veranstaltung 22.45 Uhr) alles in der Ersten Liga. So auch die zweite und letzte Vorband des Abends, die Beatsteaks.
Für die Lokalmatadoren ist es die Olympiastadion-Premiere. „Ein Traum geht in Erfüllung“, ruft Frontmann Arnim Teutoburg-Weiß ins weite Rund, verweist bei der Begrüßung gleich einmal auf die Herkunft der Band aus dem Osten der Stadt – und auf den dort ansässigen Fußballverein: „Wir sind die Beatsteaks aus der Alten Försterei.“
Jubel im Hertha-Block für Union-Fans
Jubel auch in der Ostkurve, wo bei Fußballspielen des ortsansässigen Vereins Hertha BSC die Hardcore- Fans ihre Zuneigung in Richtung Innenraum kundtun. „So viele geile Leute auf einmal waren noch nie im Olympiastadion“, frotzelt Union-Fan Teutoburg und grinst schelmisch. So viel Zustimmung haben Köpenicker in Charlottenburg auf eine solche Aussage noch nie erhalten.
Beim Auftritt der sympathischen, spielfreudigen, knuffigen Beatbuletten ist „diese Schüssel“ Olympiastadion (Teutoburg) bereits bestens gefüllt, die Band, deren Songs und Texte den allermeisten im Stadion bestens bekannt. Entsprechend stimmgewaltig begleiten Tausende Fans das rund 40-minütige Best-Of-Set der Beatsteaks inklusive Berlinbezug (Hey Du!)
Suboptimal: die Soundqualität. Der Gesang geht unter. Wer Songtexte nicht kennt, versteht wenig bis nichts. „Welche Sprache war das jetzt?“, fragt eine Konzertbesucherin, die die Beatsteaks bis dahin nicht kannte. Beim Main Act, den Hosen, wird es minimal besser, verständlicher, aber noch nicht gut. Sound mixen in einem Stadion, das nicht für Musik designt ist: herausfordernd. Undankbare Aufgabe
An Tagen wie diesen: Appell an die Intelligenz
Inmitten der freudigen, ausgelassenen Stimmung inklusive La-Ola-Welle richtet Teutoburg auch sozialkritische Botschaften ins weite Rund.
„Befreit euch von euren Smartphones!“, fordert der Sänger das Publikum im Breakdown des letzten Liedes auf. „Ich will jetzt hier mindestens 30.000 Handys in die Luft fliegen sehen.“ Doch die Digital-Detox-Revolte bleibt aus, die meisten Handys verbleiben in den Händen ihrer Besitzerinnen. Noch am gleichen Abend sind zig Videos vom Auftritt der Beatsteaks auf YouTube aufrufbar.
Mit Blick auf eine im Oberrang in die Höhe gereckte Progress-Pride-Flagge wird Teutoburg dann ganz ernst und politisch: „Diese Flagge und das, wofür sie steht, ist wichtig. Alle ganz weit außen am Rand wollen uns verarschen. Alle dazwischen, die klar denken können, die nicht hassen, nicht vergessen, die müssen zusammenkommen.“
Politische Aussagen während eines Beatsteaks-Konzertes sind für gewöhnlich selten und rar, bekannt ist die Band in erster Linie dafür, dem Publikum eine unbekümmerte Zeit zu bereiten, abzurocken. In Zeiten wie diesen, an Tagen wie diesen ist es dem Frontmann der Berliner offensichtlich ein Anliegen, ein Statement zu setzen.
Die Altpunks aus Düsseldorf haben noch einen Koffer in Berlin
Wer in den jüngsten Jahren auf einem Hosen-Konzert war, weiß, was ihn und sie bei einem Konzert der 2026er-Abschiedstour erwartet:
- eine technisch hochwertig produzierte Show
- bildstark inszeniert (beeindruckend: riese Videowände mit aufwendigen, farbenprächtigen Bewegtbild-Animationen),
- verlässlich wie ein Uhrwerk ablaufend,
- stimmungsvoll und mitreißend,
- mit in der Regel kreativen und gelungenen Ansagen des charismatischen Sängers sowie
- eine rund zweieinhalbstündige Setlist, die seit Jahren verlässlich nahezu in Stein gemeißelt ist, wenige Überraschungen bereithält.
Hier kommt Alex, Wünsch DIR was, Alles aus Liebe, You’ll never walk alone. Die Fans wollen das, die Fans kriegen das. Und das ist gut so.
Dennoch schafft es die Band, den Gig in Berlin einzigartig erscheinen zu lassen. Das liegt auch an den Anekdoten mit Lokalbezug, die Campino in den Ansagen zu manchen Songs an passender Stelle einstreut.
So etwa, wenn er verrät, dass der in der Ballade Nur zu Besuch besungene Weg zum Grab seiner Mutter dem Friedhof in Zehlendorf zuzuordnen ist. Oder wenn Campino mit Blick in den Innenraum seinen in Berlin geborenen Sohn grüßt, der irgendwo „in Reihe 12 vor der Bühne steht“.
Sven Regener und die Toten Hosen: immer nur geliebt
Emotional wird es auch dann, wenn die Hosen zusammen mit Freunden und Wegbegleitern auf der Bühne gemeinsam Lieder schmettern, etwa mit Sven Regener, Musiker („Element of Crime“) und Buchautor („Herr Lehmann“).
Die Lautstärke des mitsingenden Publikums im Olympiastadion ist immens, erreicht bei den Klassikern Wünsch dir was und Hier kommt Alex den Dezibel-Peak. Die Stadion-PA geht da fast unter.
Besonders laut wird es im Zugabenblock, als Tausenden Anwesenden mit Blick auf die Bühne oder Leinwand klar wird, dass sie hier nun gerade Zeuge davon werden, wie deutsche Rock- und Popmusikmusikgeschichte geschrieben und vollendet wird.
Premiere: Farin Urlaub (aus Berlin) von die Ärzte (aus Berlin) singt und spielt gemeinsam mit den Toten Hosen (aus Düsseldorf)
Farin Urlaub, ein Drittel der Punkrocklegenden „die Ärzte“, betritt die Bühne, singt mit den Hosen ein Lied. Und weil es sich anbietet, bleibt der 62jährige noch für einen weiteren Song auf der Bühne, greift sich die Gitarre und performt mit den Hosen den Ärzte-Klassiker „Schrei nach Liebe“.
Schön auch, dass die Setlist sich an diesem Abend in kleinen Teilen unterscheidet von Setlisten anderer Konzerte der gleichen Tour. So freuen sich Fans in Berlin unter anderem über Klassiker wie Paradies, Zehn kleine Jägermeister (Campino: „Wir können jedes Niveau noch unterbieten“) und das live rar gespielte Helden und Diebe, über das Campino verrät, dass sich die Band schon „scheiße alt gefühlt habe“, als sie dieses Lied vor inzwischen 27 Jahren schrieb. 27 Jahre.
Campi und Vicky: „Ich liebe das Leben“
In diesem Moment wird manchem im Publikum klar, dass sich die Zeit nicht aufhalten lässt. „Ja, du wirst alt“, sagt eine Konzertbegleiterin, die die Hosen zuletzt in den 90er Jahren live gesehen hatte. Den Millenial, der einst mit dem zugehörigen Album des erwähnten Liedes in den Hosenkosmos eintauchte, überfährt eine sekundenlange Schockstarre der bitteren Erkenntnis, dann rappelt er sich auf und wendet sich den restlichen Minuten der Show zu, fühlt sich wieder und immer noch jung.
Gegen 22.45 Uhr ist die Show beendet, das letzte Bier ausgetrunken. Zu den vom Band abgespielten Klängen von Vicky Leandros‘ Ich liebe des Leben verlassen die Massen den Veranstaltungsort. Und so richtig glauben kann und mag hier wohl niemand, dass das hier nun tatsächlich das letzte Konzert der Toten Hosen in Berlin gewesen sein soll.
Setlist: Die Toten Hosen – Berlin, Olympiastadion, 11. Juli 2026
- Opel-Gang
- Die Show muss weitergehen
- Wir waren nie weg
- Auswärtsspiel
- Du lebst nur einmal
- Laune der Natur
- Paradies
- Unter den Wolken
- Altes Fieber
- Schl
aechte Nachbarn - Wannsee
- Liebeslied
- Was ist mit uns los?
- Alles sagen das
- Nur zu Besuch
- Steh auf (wenn du am Boden bist)
- Bonnie & Clyde
- Helden und Diebe
- Was früher einmal war
- Alles aus Liebe
- Pushed Again
- Wünsch dir was
- Hier kommt Alex
- Zugaben: Immer nur geliebt
- Halbstark
- Tage wie diese
- Hier sind die Hosen
- Schrei nach Liebe
- Schönen Gruß, auf Wiederseh’n
- Alles wird vorübergehen
- Freunde
- Zehn kleine Jägermeister
- You’ll never walk alone
Setlist der Beatsteaks, Olympiastadion Berlin, 11.7.2026:
- Summer
- Jane became insane
- Hail to the freaks
- Cut off the top (inkl. Wünsch dir was)
- Hello Joe
- Frieda und die Bomben
- Hey, Du!
- Detractors
- I Don’t care as long as you sing
- Hand in hand
- Let me in
Autor: Andreas Wolf, 100 % KI-frei.
