Musikalische Reise in die Jugend. Episode 7: Tote Hose

Anfang 2000: Uli Hoeneß ist noch kein verurteilter Steuersünder, aber genauso beliebt wie heute. Onkel Michi schenkt mir mein erstes Hosen-Album. Bayern-„Fans“ in meinem sozialen Umfeld missfällt das.

Jeder Hosenfan hat so „sein“ Einstiegsalbum. In meine Zeit fiel die „Unsterblich“. Mein Onkel schenkte mir die CD zu meinem 13. Geburtstag. Er ist so gesehen dafür verantwortlich, dass ich ein sehr großer, treuer Fan dieser Düsseldorfer Ex-Punker wurde – und einige Jahre ziemlich viel Geld dafür ausgab, um mich mit audiovisuellen und gedruckten Devotionalien der Band auszustatten.

Journalidealist Andreas Wolf - Musikalische Reise in Jugend - 07 - Die Toten Hosen DTH Unsterblich

Meine bis dahin einzigen, eher losen Kontaktpunkte zu den Hosen hatte ich in der dritten Schulklasse, als wir im Musikunterricht den Text zu „Zehn kleine Jägermeister“ auswendig lernen mussten (was das über den Lehrer womöglich aussagt, möchte ich an dieser Stelle nicht vertiefen, es wäre Spekulation). Und ein, zwei Jahre vorher auf der „Bravo Hits 15“, wo die in meinen Ohren bis heute gelungenste Live-Version von „Alles aus Liebe“ drauf ist (als Vorbote zum in meinen Ohren und Augen besten Hosen-Live-Album: „Unterwegs im Auftrag des Herrn“).

„Dreck, an dem unsere Gesellschaft ersticken wird“

Anfang 2000: eine Zeit, in der Uli Hoeneß kein verurteilter Steuersünder, aber genauso (un)beliebt wie heute war. Den musikalischen Tribut an das Gebaren des FC Hollywood an der Säbener Straße zu München, gezollt aus dem seinerzeit viertklassigen Düsseldorf, wusste ich als Fan eines beinahe viertklassigen Fußballvereins im März 2000 hinreichend zu würdigen und zu feiern. (Was macht Horst Heldt eigentlich heute?)

Der musikwissenschaftlich gesehen recht stumpf daherkommende, aber inhaltlich kompromisslos unterstützenswerte Song „Bayern“ machte mich endgültig zum Hosen-Fan. Danke, Campi! Danke, Uli! #AllesAusLiebe

Sozialisierung über Fußball und Musik

Bittere Niederlagen auf schlecht bespielbaren Fußballplätzen verwahrloster Bezirksportanlagen prägten früh mein Dasein als letztlich verhinderter Profifußballer und meine weitere soziale Entwicklung.

Getreu Fortuna-Fan Campinos weisen Worten, man solle im Leben möglichst früh lernen und begreifen, „alles, was keine Niederlage ist als Sieg zu feiern“, lieferten die Hosen mit ihren Songs und ihrer Attitüde den perfekten Soundtrack zu meiner pubertären, sozialen Selbstfindungsphase.

Persönliche Schicksale und Tragödien, bittere Niederlagen, klägliches Scheitern, soziale Ungerechtigkeit – ob im Job, in der Schule, auf dem Parkplatz vor dem Baumarkt, in der Freizeit, beim Sport, auf Partys und beim weiblichen Geschlecht oder an der Mülltonne hinterm Haus – die Hosen hatten auf „Unsterblich“ (und auch auf anderen Alben) für alle Faustschläge des Lebens den passenden Trick zurück parat. Gemeinsame Feinbilder (u.a. Bayern-„Fans“) inklusive. Das stärkt die soziale Identität – und verbindet. Der Mensch ist ein Rudeltier.

Wer „Unsterblich“ käuflich erwerben mag, dem empfehle ich den Kauf der Jubiläumsedition. Auf dieser sind neun Bonustracks enthalten. Einige davon sind sehr hörenswert, vor allem „Im Westen nichts neues“ (Tipp: täglich vor und nach der Arbeit anhören) und das im CD-Zeitalter noch sehr rare „Meine Stadt“ (vom „Pro Asyl On The Run“-Sampler).

Die Hosen und ich – eine perfekte Symbiose aus Musik (limitiert aber authentisch und mit Freude dabei), Fußball (limitiert und chronisch unerfolgreich aber idealistisch und mit Freude dabei), sozialen Werten (gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen soziale Ungerechtigkeit) – seit nun schon 20 Jahren.

Herkunft spielt keine Rolle: Frankfurt, Düsseldorf, egal woher. Unerfolgreich sind wir alle gleich.

Eintracht, Fortuna, Pathos, Party

Vom Song „Bayern“ sollten sich Hörer, die das Album nicht kennen, nicht zu sehr leiten, nicht abschrecken lassen. Das Album „Unsterblich“ besitzt mehr Tiefgang als „Ich-kenne-vier-fünf-Hosen-Songs-aus-dem-Radio“-Hörer wohl erwarten würden.

„Ein eher untypisches Einstiegsalbum, weil sehr verkopft“, meint ein Freund und Hosenfan.

Ich krame die alte CD-Hülle aus dem Regal, überfliege die Tracklist und stelle fest: indeed. Einige sehr nachdenkliche Stücke drauf. „Bayern“ ist nicht repräsentativ.

Die Hosen mögen in ihren musikalischen Fähigkeiten limitiert sein (welche Musiker, vor allem gelernte Punkrocker, sind das eigentlich nicht?!). Aber: Ist das ein Problem? Und selbst wenn: Die einst vor allem durch Sauflieder und Mitgröhl-Songs bekannt gewordenen Musiker haben mehr drauf als Sauflieder und Mitgröhl-Songs. Beispiele: Die Tracks 4, 5, 8, 9, 10, 12, 13, 14, 15, 17, 18 auf dem hier vorliegendem Album.

Ein Album zum Mitdenken

„Unsterblich“ ist für mich nicht das stärkste Hosen-Album. An den Vorgänger „Opium fürs Volk“ kommt es nicht heran. Was ich an „Unterblich“ aber noch heute schätze: Das Album ist für eine Band, deren Wurzeln im Punkrock liegen, ziemlich vielfältig – textlich und teils auch instrumental.

Die positive, respektable musikalische Entwicklung der Band – von „Opel-Gang“ (1982) bis Ende der 1990er Jahre – ist deutlich hörbar.

„Und sie fragen sich, ob das noch Punkrock ist – oder wie man sowas eigentlich nennt.“ (Lied sechs: „Helden und Diebe“)

Wer den Hosen trotz „Unsterblich“ eine inhaltliche Relevanz oder musikalische Qualität abspricht, hat Punkrock nie geliebt. Oder nicht verstanden. Oder beides.

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